Das Tor nach Asien…

Griechenland – Istanbul – Türkei – Schwarzmeerküste  bis an die georgische Grenze

Wow – was für ein berauschendes Gefühl – Istanbul liegt uns zu Füßen als wir mit unseren Motorrädern in diese märchenhafte Stadt einfahren. Wir müssen uns bei der Einfahrt an diesem sonnigen Tag ein paar mal über das Kommunikationssystem unserer Motorradhelme gegenseitig versichern – und quasi kneifen: Haben wir es tatsächlich bereits bis hierher  geschafft??? Das Tor nach Asien ist erreicht.

Unfassbar für uns zwei Greenhorns auf dem Motorrädern. Rudolf meint zu mir, dass 95 % der erfahrenen

Tourenfahrer diese Grenze nach Asien wohl niemals in ihrem Leben erreichen werden. Meine längste Strecke auf dem Motorrad vor dieser Reise war der Weg von Leipzig in den Spreewald – unscheinbare 150 Kilometer. Wenn wir auf der Reise darüber nachdenken wird uns klar wie verrückt wir beide sind!!!

Indien, das Ziel unsere Reise rückt gefühlt auf einmal ganz nahe, obwohl wir noch nicht einmal die Hälfte der Strecke geschafft haben – und die spannenden und abenteuerlichen Ländern allesamt noch vor uns liegen. Bisher waren es weitestgehend Länder die dem mitteleuropäischen Touristen noch geläufig sind.

Ein stolzer Fischer auf dem Weg nach Istanbul

Istanbul riecht nach Zimt, schmeckt nach „Tausend und einer Nacht“… Die  Gesänge des Muezine der unzähligen Moscheen Istanbuls lässt uns träumen.
Ich liebe diesen Klang. Er wirkt regelrecht magisch auf mich. Schon als ich 2013 erstmals Istanbul bereiste. Rudolf war ebenfalls schonmal hier und hat tolle Erinnerungen daran. Jedoch mit den Motorrädern einzufahren ist ein ganz besonders Erlebnis für uns.

Es gibt hier nur eine Regel, die man auf den überfüllten Straßen einhalten muss: Beachte NUR die vor DiR fahrenden Fahrzeuge und schaue nicht zurück. Rudolf bringt mich manchmal zum Wahnsinn, wenn er ins Komsystem spricht: „Achtung Überholer“. Wie oft, frage ich mich, will er das zu mir sagen wenn wir erst auf Persiens Strassen unterwegs sind?? Der Region mit dem krassesten Strassenverkehr. Werde ich dann den Dauerwarntinnitus im Ohr nicht mehr los? Mein Motto ist – und dabei unterscheiden – oder besser ergänzen wir uns als Team: Rudolf schaut mehr in den Rückspiegel und ich mehr nach vorn.

Und so schlängeln wir uns durch die bergigen und engen Gassen und schaffen es direkt bis vor die Hagia Sofia. Es macht uns riesigen Spaß. Rudolfs Traum geht in Erfüllung: Ein Foto seines Motorrades – direkt vor der Hagia Sofia abgestellt. Dafür bittet er sogar bewaffnete Polizisten auf dem Platz persönlich um Erlaubnis. Erfolgreich 🙂

 

Istanbul erleben wir als einen Schmelztiegel von Okzident und Orient. Die Bewohner sind aufgeschlossen, befragen uns ungläubig mit den Blick auf unsere Nummernschilder ob wir tatsächlich aus Deutschland nach Istanbul gekommen seien. Ihre Münder stehen dann noch weiter offen, wenn wir erzählen, wohin wir eigentlich wollen. Da unterscheiden sie sich nicht von den Rentnern auf dem Platz in Torgau – unserem ersten Stop vor dreieinhalb Wochen, etwa 50 km nach Leipzig.

Für eine chinesische Reisegruppe werden wir mitten in Istanbul auf unseren Motorräder zu begehrten Fotoobjekten. Umarmt mit Daumen nach oben werden wir geknipst wie Popstars. Türkische Frauen bekunden mir, wie toll sie es finden, dass gerade eine Frau auf einem Motorrad nach Indien reisen möchte. Nun ja – bis Istanbul haben wir es zumindest schon mal geschafft.

Jeder weitere Meter ist Bonus – sozusagen ;-))

Bald lassen wir die Metropole am Bosporus hinter uns und fahren nun tagelang durch dieses riesige Land. Die Landschaften sind unfassbar schön – auch jetzt im Winter – oder gerade jetzt. Die Straßen gehören quasi uns allein. Temperaturen an der Schwarzmeerküste um die 18 Grad sind ein Träumchen für Motorradreisende. Herrliche Serpentinen bis auf über 1500 Meter hohe Bergpässe erinnern uns mit 2 Grad Celsius, dass wir auf die verrückte Idee gekommen sind, im Winter nach Indien zu reisen – durch Länder die richtig hohe Berge haben.

Jeder Tag wird von uns angenommen wie er kommt. Das heißt wir fahren in Richtung Osten bis die Dämmerung hereinbricht. Wenn wir kleine Pausen einlegen oder einfach Stopps zum Aufwärmen suchen, dann steuern wir das nächst gelegene Dorf an. Häufig bestehen diese einzig aus einer Moschee, einem Büfe (türkischer Kiosk), vielleicht einem Otel (Hotel) – und alten Männern die Tee trinkend auf dem Marktplatz sitzen. Englisch spricht hier selten einer. Mit der „internationalen“ Zeichensprache für Essen und Schlafen behelfen wir uns erfolgreich. Freundlich und herzlich werden wir begrüßt. Wenn wir frierend und hungrig in den kleinen neonbeleuchtetem Teestuben sitzen, um uns herum keine Frau in Sicht, werden deutschsprachige Verwandte aus dem kleinen Ort eilig angerufen, um die freudige Nachricht zu überbringen, dass Touristen aus Alemania auf dem Motorrad im Dorf erschienen sind. Kurze Zeit später sitzt der 79 jährige Kemal, perfekt deutsch sprechend, an unserem Tisch. Gütig und wach leuchten seine Augen, wenn er davon erzählt, dass er 27 Jahre in einem Dorf bei Stuttgart als Mauer gearbeitet hat. Als Rentner zog es ihn wieder zurück in sein karges Bergdorf in Zentralanatolien.

Mittagspause und Stop zum Aufwärmen – Hier mit Kemal in seinem Bergdorf

Wir bewundern später in unsern Gesprächen während der Fahrt, wie gut er auch nach so langer Zeit wieder im Dorf integriert zu sein scheint.

Wunderbare Begegnung

Die Einladung zum Essen können wir trotz Protest nicht verhindern. Menschen die wenig haben beschenken uns und lassen uns an ihrem Leben Teil haben. Wir werden sehr demütig, wenn man bedenkt wie misstrauisch oder gleichgültig viele sich in Deutschland oft Fremden gegenüber verhalten.

Der Balkan liegt nun in weiter Ferne und der Kaukasus vor uns… Drei Tage fahren wir in der Türkei entlang der Schwarzmeerküste – UND ändern erstmalig unsere weitere Route. Ursprünglich war unser Plan von der Türkei direkt in den Iran einzureisen. Durch eine Begegnung, die uns das Universum geschickt hat und durch die Inspiration des erfolgreichen Dokumentarfilms „Weit“ möchten wir auch Georgien und Aserbaidschan erleben. Und so sitzt Rudolf jetzt konzentriert in diesem kleinen Grenzort Hopa – kurz vor der georgische Grenze – neben mir während ich diesem Beitrag schreibe und beantragt unsere Online Visa für Aserbaidschan.

Wir lieben diese Art des Reisens. Die Dinge nehmen wie sie kommen, offen sein für nichtlineare Pläne. Und nicht nur davon träumen, sondern sie direkt umsetzen.

Heute morgen erfuhr ich von meiner Mutter, dass ich bereits einmal in Georgien war. Als 7 jähriges Mädchen machte ich mit meinen Eltern Urlaub in Sotschi – der ehemaligen Sowjetunion. Der Tagesausflug mit dem Bus zu einer der zahlreichen Teeplantagen in Georgien war Ihnen in eindrucksvoller Erinnerung geblieben.

Nun bereise ich 38 Jahre später mit dem Motorrad dieses tolle Land. Welch ein Geschenk!

Wir wünschen Euch allen einen wundervollen dritten Advent

Jana & Rudolf