Die Pläne ändern sich – Die Richtung bleibt …

Georgien – Aserbaidschan: Durch den Kaukasus vom Schwarzen Meer zum Kaspischen Meer

 

Nach drei Wochen auf den Motorrädern haben sich erstmals unsere Reisepläne geändert. Eine richtig feste Route haben wir nie. Was wir uns im Vorfeld der Reise im Groben überlegt hatten waren die Länder, durch welche wir hindurchfahren wollen bis wir an unser Ziel Indien ankommen. Die genaue Route ergab sich oft erst am Abend zuvor – je nach Wetterlage…

So war unser primärer Plan von der Türkei direkt in den Iran zu reisen. Das haben wir nun geändert und erfreuen uns an der zusätzlichen Erfahrung die beiden Länder Georgien und Aserbaidschan kennen zu lernen. Bisher waren es lediglich Namen, die für uns mit der früheren Sowjetunion in Zusammenhang standen.

Wie unterschiedlich die beiden relativ kleinen Nachbarstaaten sind, bezogen auf die Religion, die Landschaft und auch die Menschen hat uns beide überrascht.
Welche blühende Landschaften im Frühjahr in Georgien entstehen, können wir jetzt im Dezember natürlich nur erahnen.

 

Im Sommer müssen das märchenhafte Landschaften sein, und kleine einfache Häuser hinter Holzzäunen erinnern an russische Märchen aus meinen Kindheitserinnerungen. Die Menschen leben auf dem Lande sehr einfach. Sie sind freundlich – jedoch zurückhaltender als wir erwartet hatten. Fast schüchtern wirken sie auf uns.

 

Hostelküche im „Nato & Lido“
Wir erfahren von Gogo, einem Hostelvermieter bei frisch aufgetischtem lokalem Wein und Grappa in Sighnagi, dass die Jugendlichen heute zwar alle Englisch in der Schule lernen, das Niveau jedoch sehr niedrig sei. Und das merken wir.

 

Auf den Dörfern spricht kaum jemand Englisch. Mein Russisch aus der Schulzeit reicht nur für die ersten Höflichkeitsfloskeln.

 

Mehr ist leider bei mir nicht hängen geblieben. Verhungern tun wir dennoch nicht auf der Reise, das Gegenteil ist eher der Fall.

 

Beim Tanken steht häufig die gesamte Tankwartmannschaft neben unseren Bikes und fachsimpelt georgisch oder aserbaidschanisch wieviel PS die Maschinen wohl haben usw… Es ist oft sehr lustig für uns, da wir uns die wohlgemeinten und teilweise ausufernden Erklärungen frei übersetzen und unsere eigene Geschichte daraus spinnen. Das endet häufig im gemeinsamen schallenden Gelächter… Zum Abschied geht noch der Daumen hoch zum „Like it“ und wir brausen weiter…

 

Langsam gewöhne ich mich daran häufig die einzige Frau in den ganzen Ortschaften zu sein. NUR Männer auf der Straße,  in den Cafes und Restaurants – oft keine andere Frau in Sicht.

Berührungsangst gibt es jedoch selten. Wenn wir in einer Bar anhalten um einen Tee zu trinken ist es schon manchmal ein merkwürdiges Gefühl als einzige Frau da zu sitzen. Wenn dann Rudolf noch auf die Toilette geht, wird’s spannend für mich – ganz alleine unter den neugierigen und doch respektvollen Blicken… Angst hatte ich dabei bisher nie.

Rudolf beneide ich bei diesen Gang zu den Stehtoiletten. Es ist schon eine Kunst sich als Frau die zwei Schichten dicken Motorradsachen – an Gewicht gleich einer Ritterrüstung – plus zwei Schichten Merinounterwäsche auszuhosen und sich dann so zu „platzieren“ das alles dorthin kommt, wo es hingehört – ohne sich komplett einzunässen – . Ein Glück, dass ich eine „Zahnarztblase“ habe – das hat mir zumindest Rudolf diagnostiziert, da er im Gegensatz zu mir 5 mal öfter am Tag auf die Toilette muss. Das ich so selten „muss“ läge an meinem Beruf… Und es ist immer schön eine Geschichte zu haben… :-))

 

In Aserbaidschan wird es mit dem Reisen etwas einfacher – zumindest was die Verständigung betrifft. Die Menschen wirken offener Fremden gegenüber, die Englischkenntnisse sind weiter verbreitet.

 

Auch ist das Interesse an den Motorrädern immens hoch wie in keinem Land bisher. Wir sehen auch so gut wie keine privaten Motorräder hier. Einzig als Lastfahrzeuge mit Seitenwagen oder bei der Polizei.

 

So wird uns alle Nase lang am Wegesrand zugewunken, Lichthupe gegeben oder einfach gehupt. An das Hupen können wir uns schon mal gewöhnen. Ab Persien wird das wohl unser ständiger Begleiter sein… Da gehört es einfach zum Strassenverkehr dazu sich bemerkbar zu machen.
Rudolf freut sich über die geschenkten Nektarinen
In beiden Ländern, Georgien und auch Aserbaidschan ist der Unterschied zwischen den ländlichen Regionen und der jeweiligen Hauptstädte gigantisch. Tiflis und Baku sind sehr modern – und fahrerisch für uns Motorradreisende wieder eine herrliche Herausforderung. Piratenmässig schlängeln wir uns hindurch und parken in der Regel in „Pole Position“ direkt vor der Unterkunft.

 

Die Ängste um unsere Motorräder, die wir vor der Reise hatten – haben sich allesamt bisher nicht bestätigt. In Baku hatte sich der Sicherheitswart vom benachbarten Weihnachtsmarkt persönlich um die Sicherheit unserer Bikes gekümmert. Sichtlich stolz berichtete er uns immer beim vorbei gehen, wieviel Leute sich wieder für unsere Motorräder interessiert hätten und das aber durch ihn alles „Safe“ sei😜

 

Die Freundlichkeit überwältigt uns. Wenn wir auf den Landstraßen an für uns neuen und interessanten Situationen vorbei fahren, halten wir häufig an und befragen die Menschen, soweit es uns sprachlich möglich ist. Heute erst blitzten uns dann freundlich eine Reihe Goldzähne entgegen. Das überaus leckere Steinofenbrot wurde uns direkt geschenkt und noch ein paar Stücke Schafskäse dazugelegt. Die ersten Fragen sind in der Regel, woher wir kommen – und wohin wir wollen. Großes Erstaunen bei den Meisten, die vermutlich ihr eigenes Land noch nie verlassen haben…

 

Dann wird uns wieder bewusst, welch ein Geschenk wir bekommen mit der Möglichkeit fremde Länder zu bereisen und ihre Kulturen kennenlernen zu dürfen. Nur ein Bruchteil der Menschen dieser Erde hat diese Möglichkeit…

 

Tiefe Demut empfinden wir dabei – das sind unsere Gedanken – heute am Heiligen Abend – die uns bewegen. Unsere Gedanken sind auch bei unseren Familien zu Hause. Tiefe Dankbarkeit empfinden wir Ihnen gegenüber. Ohne ihre Unterstützung wäre diese Reise nicht möglich. Ich denke ganz intensiv an Gustav und Franz, meine Lieblinge, die dieses Weihnachten erstmals ohne mich verbringen. In Gedanken und im Herzen bin ich bei Ihnen. Unsere Reise wird auch in ihrem Leben einen Eindruck hinterlassen. Da bin ich mir ganz sicher.

 

Nun liegt der Iran vor uns. Was für eine unglaubliche Vorstellung. Mein Kopftuch habe ich schon bereit gelegt. Es wird für die nächsten Tage mein ständiger Begleiter sein. Isfahan und Shiraz sollen die ersten Anlaufpunkte werden. Aber wer weiß, was uns auf dem Fluss des Lebens bis dahin passiert. Wir sind für alles offen. In Shiraz haben wir schon ein Couchsurfingangebot. Couchsurfing soll im Iran sehr populär sein. Das wissen wir seit dem Film „Weit.“ den ich bereits mehrfach lobend im Bericht erwähnt habe. Auch in Linz, ganz am Anfang unserer Reise, erzählte uns Reza von der Vorliebe seiner Landsleute Couchsurfer aufzunehmen.

 

Wir sind nun freudig gespannt. Das Benzin wird vermutlich noch günstiger werden als hier in Aserbaidschan. Da wo Ölvorkommen sind kostet Benzin fast nix. Hier sind es 60 Cent pro Liter Premium Benzin. Davon träumen deutsche Autofahrer.
Letzter Wein vor der i.R. Iran

 

Wir träumen jetzt erst mal von dem Ruf der Muezine, von wilden Sufitänzen, vom Geruch orientalischer Gewürze und prächtigen Karawansereien…

 

… und wünschen euch besinnliche Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr

 

Jana & Rudolf