Persien – Tausend und ein Geschenk

 

 

I.R. Iran – von Saveh über Isfahan, Yazd, Kerman, Bam bis nach Zahedan an die pakistanische Grenze…

 

Der Iran … welche Geschichten werden von diesem Land erzählt…? Wir wollten es selbst erfahren und machten uns vor etwa 6 Wochen auf den Weg. Über Land – auf den Spuren der alten Seidenstraße.

Bevor wir in die einzelnen Geschichten der Reise, die uns bewegen eintauchen, habe ich mir vor dem Schreiben dieses Artikels überlegt mit welchem Worten ich es überhaupt annähernd beschreiben kann – das Gefühl hier im Iran zu sein…

Wenn wir dieses Land in nur einem Satz beschreiben müssten – was würde da als erstes kommen…?

 

Es geschieht kein Start am Morgen und kein Ankommen am Abend ohne diese Menschenansammlungen. Gerade war der Parkplatz noch leer und in Null Komma Nix stehen 10 Menschen um Dich herum. Sie lächeln freundlich und reden in Farsi auf uns ein. Englisch ist sehr selten.

 

 

Rudolf und ich haben in unserem bisherigem Leben schon eine Anzahl von Ländern als Rucksacktouristen bereist. Was wir hier als Gäste jedoch erleben – von der allerersten Minute an bis jetzt, ist einfach unvorstellbar und ich möchte versuchen, dies mit einem Satz zu erfassen:

Die Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft, die Liebe zum selbstlosen Geben und Schenken ist im tiefen SEIN des Iranischen Volkes verwurzelt. Anders können wir uns das, was wir erleben nicht erklären.

 

 

 

 

Wo hat man das in anderen Ländern? Morgens beim Tanken lernt man den Tankwart kennen und zum Abschied lädt er uns zum Dinner zu seiner Familie ein. Nur ein paar Stunden später sitzen wir am festlich gedeckten Tisch bei ihm im Wohnzimmer. Für Mahdi auch etwas besonderes in so einer Wohnung zu sein. Er selbst lebt in wesentlich einfacheren Verhältnissen noch zu Hause bei seinen Eltern.

 

 

Noch niemals ist uns so eine bescheidene und freundliche Art gegenüber den Mitmenschen – und vor allem uns Fremden gegenüber so positiv aufgefallen wie hier im Iran!! Und das im Minutentakt.

Diese Worte und diese Beschreibung sind mir zu Beginn des Berichtes enorm wichtig, da sie unsere Reiseerfahrung hier prägen.

Als wir so ähnliche Berichte im Vorfeld unsere Tour von Iranreisenden gehört hatten, waren zumindest die Vorbehalte gegenüber dem „gefährlichen“ Iran gemildert und wir freuten uns schon sehr darauf. Was wir jedoch derzeit tatsächlich erleben, übersteigt alles – aber auch wirklich alles, was man sich nur vorstellen kann.

 

 

 

Ein klein wenig Sightseeing in Saveh musste natürlich auch sein. Hier führt uns Mahdi zu einer alten Moschee.

 

 

Dieser Bericht ist ein Bericht der Bilder. Jedes Foto hat seine Geschichte. Ich versuche die Kerninhalte kurz als Beschreibung unter das Bild zu setzen. Hinter jedem steckt ein Moment der tiefen Verbundenheit mit den Menschen. Ich lade euch ein, dies in aller Ruhe zu lesen, anzuschauen und auf euch wirken zu lassen.

Und damit möchten wir Danke sagen, zu einem Volk, das durch die Politik im eigenen Land und durch die Medien in der Welt völlig verquer gesehen und wahrgenommen wird. Leute sprechen uns hier auf der Straße an und bitten uns, bitte sagt euren Landsleuten, wie wir Iraner wirklich sind. Die Menschen sind gut – Die Regierung ist es nicht.

 

 

 

 

Checkup am Straßenrand…

 

 

Erstaunt hat uns – wie auch schon in Georgien, wie wenig man sich hier mit Englisch allein zurecht findet. Gesprochen wird Farsi – ein anderes Wort für Persisch. Das erste Worte was wir lernen – lernen mussten – weil es unseren Tag bestimmt…ist DANKE auf Farsi „motoschakeram“. Englisch und oft auch nur gebrochen, sprechen nur einige wenige Leute in den größeren Städten. Dort werden wir hin und wieder auf englisch angesprochen – und was für uns nun neu ist – auch von Frauen. Hier sind auch sie auf den Straßen und in den öffentlichen Gebäuden präsent. So ganz anders als in Georgien und Aserbaidschan. Sie wirken selbstbewusst – und strahlend schön. Das Kopftuch wird häufig nur lässig auf dem Hinterkopf getragen.

Und auch wenn sie in wehendem Gewand von Kopf bis zu den Füßen bedeckt sind, ist ihr Gang regelrecht anmutig.

Rudolf und ich sind uns einig und finden es erwähnenswert: Im Iran sehen selbst die Putzfrauen aus wie Königinnen. Keine ist ungeschminkt. Mahdi unser Guide in Saveh fragt uns: Sagt mal, warum sind die Europäerinnen so viel weniger geschminkt als die Iranerinnen? Und er hat recht mit seiner Beobachtung…

Bei dieser Frage werde ich gleich etwas verlegen, denn mir wird bewusst, dass ich durch das Motorradfahrern gerade andere Prioritäten setze und der wochenlange permanenter Fahrtwind im Gesicht nicht gerade zum „strahlenden Teint“ beiträgt. Ich versuche mich natürlich gleich zu rechtfertigen… weil dies und jenes… und… und …und – und ich muss ihm dennoch zustimmen. Das soll auch keine Wertung an dieser Stelle sein. Weder Gut noch Schlecht.

Und ich ertappe mich dabei, dass ich an diesem Abend wieder mal etwas mehr in meine Kosmetiktasche schaue…

 

Die berühmten Bogenbrücken von Isfahan. Das Flussbett ist jetzt ausgetrocknet. Kurz nach diesen Aufnahmen gerieten wir in aufkommende Demonstrationen. Die Stimmung im Iran brodelt. Die Menschen sind unzufrieden und bekunden das auch vor uns, wann immer wir ins Gespräch kommen.

 

Doch nun noch mal von Anfang an – DER GRENZÜBERGANG ZUM IRAN. Diese Vorstellung ließ uns schon im Vorfeld ein wenig zittern. Was würde uns da erwarten? Das erste mal müssen wir das Carnet de Passage (die Zollpapiere für unsere Motorräder) vorzeigen und peinlichst auf das korrekte Eintragen der Stempel durch die Zollbeamten achten. Am Vorabend schauen wir alles noch einmal an und machen für uns eine „Generalprobe“. Nun ja – ich reise mit Rudolf – da bleibt nichts – aber auch GAR NICHTS dem Zufall überlassen. Und schon gar nicht wenn es um Polizei und Grenzbeamte geht. 😉 Jedoch reisen wir ansonsten völlig ungeplant und besitzen nicht einmal einen Reiseführer. Die Menschen, denen wir auf dem Weg begegnen, weisen uns den Weg auf eine wunderbare Weise.

 

Die Handwerkerbude in den Hinterhöfen von Isfahan – nahe des Imam Platzes, der Weltkulturerbe ist

 

Nur kurz im Cafe gesessen – und schon sass der Zwerg auf Rudolfs Bike. Zum Dank bekamen wir dies Foto.

 

Wir nehmen uns an der iranischen Grenze auf Empfehlung einen kostenpflichtigen Schleuser (Agenten) zur Hilfe, der uns als Fachmann in Farsi praktisch den Grenzübertritt und die Formalitäten an der Grenze erleichtern soll. Alles läuft völlig entspannt. Der Grenzübergang gleicht eher einer Einfahrt zu einem drittklassigen Speditionsunternehmen. Wir als einzige Touristen und private Grenzübergänger – ansonsten nur LKW auf unbefestigten Schotter. Wir verfahren uns zweimal auf dem Gelände, weil einfach nicht zu erkennen ist, wo es hier weiter geht.

Nun könnten Gustav und Franz sagen:

„Unsere Mama hat es eh nicht so mit dem Orientierungssinn.“ –  ABER Moment – hier ist mal Rudolf vorgefahren. Mit mir als Frau redet man(n), wenn überhaupt erst als zweites – jedoch stets respektvoll und höflich. 

Als wir schon fast „drüben“ sind, meint unser Schleuser, es gäbe Probleme mit unserem Carnet de Passage. Es fehle ein Stempel von Aserbaidschan in den Dokumenten und wir müssten doch noch mal eben zurück fahren und die Stempel holen… WAS????? Nicht mit uns! Das hätte mindestens einen halben Tag gedauert… Der Schleuser regelt es dann „irgendwie“ und wir dürfen in den Iran einreisen. Wir fahren hinein – und es passiert erst einmal nichts gefährliches…

 

Die historischen Bogenbrücken in Isfahan – nebenan formierten sich Demonstranten und behelmte Sicherheitskräfte…

 

Dies Foto machte er zum Abschied -einmal für sich selbst und einmal für uns. Dann knatterten wir wieder in die Wüste – bei stundenlangem heftigen Seitenwind um die 90 Stundenkilometer.

 

 

Das erste Kamel auf der Strecke … im Hintergrund zu sehen ;-)))

 

Was wir jetzt nicht haben ist iranisches Geld und eine Telefonkarte. WLAN ist nicht so einfach und wir haben noch keine Bleibe für die erste Nacht.

Wir halten an der ersten Möglichkeit nach der Grenze, um einen Kaffee zu bekommen an – und wollen unseren Einzug erst einmal feiern.

Ab da sind wir quasi nicht mehr allein. Wir werden bereits an diesem ersten Tag von verschiedenen Personen mehrfach beschenkt.

Wir bestellen ein Essen – und der nette Mann am Nachbartisch informiert uns im Rausgehen, dass er schon für uns bezahlt habe.

Rudolf kauft Walnüsse und dann läuft ihm der Verkäufer hinterher und schenkt ihm eine ganze Box mit getrockneten Datteln.

Tee und Kaffee brauchen wir fast nie bezahlen. Menschen sprechen uns im Vorbeigehen an und laden und zu sich nach Hause zum Essen ein.

Und so geht das seit Tagen – bis heute. Ich schreibe jetzt diesem Blog, währenddessen unten die Hochzeitsgesellschaft im Hotel auf uns wartet – hier im kleinen Ort namens Bam, wo wir heute erst angekommen sind. Wir hatten kaum unsere Bikes geparkt, stand schon wieder eine Traube Menschen um uns herum. Die Einladung steht – und ich kann so schlecht nein sagen… 😉

Es wird wohl eine lange Nacht werden, schätze ich.

 

 

Vor zwei Tagen haben wir in einer 450 Jahre alten Karawanserei übernachtet. Das war eines der Highlights an „gelebten Sehenswürdigkeiten“ im Iran für uns. Ansonsten haben wir kaum Sightseeing gemacht. Wie schon zu Beginn der Reise erwähnt, sind uns die Begegnungen mit den Menschen wichtiger. Das wollen wir erleben, davon wollen wir berichten. Und – hier im Iran kann man dem gar nicht entgehen. Unmöglich!!! Selbst während der Fahrt auf den Straßen werden die Scheiben runter gekurbelt und uns „Where do you come from?“ und „Welcome To Iran“ entgegen gebrüllt, Frauen winken uns zu und machen durch den Rückspiegel Selfies aus dem fahrenden Wagen.

Und was hatten wir für einen Heidenrespekt vor dem persischen Straßenverkehr. Und wie sehr lieben wir ihn nun. Alles ist im Fluss… nirgendwo anders passt dieser Spruch so gut. Keiner flucht, keiner ist aggressiv – Alles kann, nichts muss – auch im Straßenverkehr. Am Ende fahren Rudolf und ich wie alle hier: bei Rot, in Gegenfahrtrichtung, in einer Spur die keine ist… und alles fließt… einfach genial.

Wir sagen heute zusammenfassend: Das persische Fahren ist ein energetisches Fahren. Man muss sich hineinfühlen wie in einem Schwarm und vertrauen. Und es klappt. Wir sahen übrigens nur einen einzigen Unfall bisher.

 

Übernachtung in einer 450 Jahren alten Karawanserei – ein Highlight für uns. Über 1000 dieser Karawansereien waren in ganz Persien verteilt.

 

Lehmturm zum Kühlen von Wasser.

 

Morgen wollen wir an der pakistanischen Grenze sein. Und natürlich beschäftigt sich Rudolf bereits mit den Grenzgepflogenheiten während ich hier schreibe. Vermutlich werden wir in der ersten Zeit in Belutschistan nur mit Eskorte – also Polizeischutz – unterwegs sein – so liest es mir Rudolf eben aus einem Reiseblog vor.

Ein spanisches Paar, Vicente und Marian, das professionell Reiseberichte schreibt und quasi schon überall auf der Welt war – in Pakistan bereits ganze 7 Monate über viele Jahre verteilt, schwärmt: Pakistan sei traumhaft schön. 

 

Das Schuhprofil passend zum Reifenprofil. Frau weiß eben worauf es ankommt ;-))

 

 

Abschließend noch diese Worte. Aufgrund der Medienberichte und der aktuellen Situation im Iran kamen in den letzten Tagen von Familie und Freunden sorgenvolle Fragen um unsere Sicherheit vor Ort.
Da wir uns aktuell – wenn dieser Blog online geht – noch im Iran befinden, möchten wir auf nähere Einzelheiten und Äußerungen im Moment noch verzichten. Nur dies – wir gehen mit offenen Augen und Ohren durchs Leben. Unser Herz war offen den Menschen in diesem Land gegenüber und wir wurden tausendfach beschenkt dafür.

 

Nun freuen wir uns auf Pakistan. Ab da ist dann Linksverkehr angesagt. Die ersten Stunden dort werden nicht einfach sein und wir müssen uns auf Polizeieskorte und ungeplante Wartezeiten an zig Kontrollposten bis Quetta einrichten.

 

Und auch dieses werden wir meistern – wie die 9000 km die bereits hinter uns liegen – um die Schönheit und die Faszination dieser Welt zu erleben.

 

Jana & Rudolf