Nepal – und plötzlich ist die Strasse weg …

Nepal: Bardia Nationalpark – Pokhara – Australien Camp – Mustang – Bandipur – Kathmandu – Bakhtapur – Govinda Waisenhaus – Chinesische Grenze bei Kodari

Die Grenze zu Nepal erinnert an einen Checkpoint zwischen zwei Dörfern. Chillig lädt man auf indischer Seite zum Masala-Chai bevor man uns durchwinkt und Rudolf erklärt der nepalesischen Zöllnerin erst einmal wie unser Carnet de Passage korrekt auszufüllen ist. Sie wirft nicht einmal einen Blick auf die Bikes, ob es überhaupt die richtigen Maschinen sind. Und so entspannt geht es weiter in diesem Land, das gar nicht auf unsere Reiseroute stand. Nepal? Im Winter? Mit Motorrädern im Himalaya? Geht’s noch…? Und nun sind wir hier. Es ist angenehm warm, die Sonne kommt – der Durchfall geht…

Dschungelsafari im Bardia Nationalpark im Terai (Gangesebene von Nepal). Hier habe ich mir vermutlich die Zecke eingefangen.

 

Die Menschenanzahl pro Quadratmeter nimmt schlagartig hinter der Grenze ab. Asiatische Entspanntheit breitet sich aus. Wir fahren auf dem überraschend gut ausgebauten Mahendra-Highway durchs Terai, der nepalesischen Tiefebene. Hier sind Autos eine Seltenheit. Die Mehrheit der Bevölkerung ist auf Fahrrädern oder zu Fuß unterwegs. Saftiges Grün und liebevoll gestaltete Bauernhöfe, mit geschmackvoll angemaltem Hauswänden säumen den Weg. Welch eine Ruhe nach Indien… Unser erster Stopp ist der Bardia-Nationalpark weit im Südwesten Nepals. Tiger könne man hier beobachten – so heißt es. Bei unserer Trekkingsafari durch das dichte Grün werden wir von unserem Guide intensivst ins Spurenlesen eingeweiht. Tiger und Nashörner sehen wir zwar keine – jedoch die Tatzenspuren im Sand, den Kot der Tiere in allen Konsistenzen und wir vernehmen das donnernde Brüllen des Männchens aus dem Dschungel.

„Wenn ein angriffsbereites Nashorn vor Dir steht, musst du im 90 Grad Winkel davon rennen und Dich möglichst ruhig hinter einem großen Baum verstecken, da die mächtigen Tiere zwar gut riechen und hören, jedoch schlecht sehen können…“ Als der Guide uns diese Sicherheitsregel am Morgen vor dem Abmarsch einbleut, bin ich mir nicht sicher, ob ich es als Glück oder Pech bezeichnen soll, dem Rhinozerus auf der Tour nicht live begegnet zu sein.

Endlich können wir auch unser knallrotes Zelt einweihen und genießen es mal zu Fuß unterwegs zu sein – nach 9 Wochen auf den Bikes.

 

Man mag es kaum glauben, mit welch einfachen Mitteln köstliches Essen zubereitet werden kann.

 

Zwei Tage ohne unsere Motorräder – länger haben wir es auf der gesamten Reise nicht ausgehalten…

 

Und hier kommen sie wieder … diese Szenen & Bilder die uns schon in Pakistan so fasziniert haben..
An dieser kleinen Bar treffen wir einen jungen Belgier, der durch einen schweren Auffahrunfall vor knapp einem Jahr wochenlang im Koma lag. Jetzt sitzt er hier – körperlich noch eingeschränkt – und reist von Indien über Nepal bis nach Burma – komplett allein. Er bekam den höchsten Respekt von uns und machte uns bewusst, wie dankbar auch wir darüber sein können,, unverletzt bis hierhin gekommen zu sein. Jedoch führte uns dies ebenso vor Augen, dass überall auf der Welt zu jedem Zeitpunkt irgendetwas passieren kann. Carpe diem – Nutze den Tag!

 

 

Das nächste Ziel ist Pokhara. Die Hälfte aller Nepaltouristen besucht diesen Ort, der traumhaft am Phewasee liegt und einen atemberaubenden Blick auf die 8000er des Himalayas bietet. Die meisten Anapurna-Treks haben hier ihren Ausgangspunkt. Ok – Trekken stand zwar nicht auf unserem Programm. Aber am Himalaya zu sein ohne zu wandern, geht natürlich nicht. Und so schnuppern wir ein bisschen rein in die faszinierende Welt des Bergsteigens und „erstürmen“ das Australien Camp.

 

Zweiter längerer Aufenthalt in Nepal: Pokhara. Unserer Unterkunft hoch in den Bergen mit Blick auf den See und das Anapurnamassiv war einfach atemberaubend. Genauso stockte uns jedoch auch der Atem beim Anstieg dahin. Unsere erste wirkliche Angststrecke mit den Bikes in Nepal. Viele weitere dieser steilen Geröllstrecken sollten folgen. Das diese Herausforderung nur eine Teststrecke ist, wissen wir zu diesem Zeitpunkt (zum Glück ;-))noch nicht.

 

Das Wasser kommt hier nicht selbstverständlich aus der Wand. Eine warme Dusche hatten wir in ganz Nepal in 4 Wochen nur an zwei Orten. Gewaschen haben wir uns trotzdem jeden Tag mittels hier üblicher „Schöpftechnik“.

 

Auf dem Weg zum Australien Camp

 

Der Tourismus ist mit 30% eine sehr wichtige Einnahmequelle Nepals – so wird an allen Ecken gebaut – hier  zum Beispiel weitere Hostels für Trekkingtouristen.

 

Rund um Pokhara erfahren wir auch zunehmend was es bedeutet Offroad zu reisen. Schweiß treibend sind die Strassen hier und mein Angstlevel schnellt auf 80 % wenn in der Kurve das Geröll was hier „Straße“ heißt mit mir Ping Pong spielt. Das Adrenalin schießt ins Blut, wenn genau dann der Gegenverkehr auch dahin will, wo ich gerade krampfhaft versuche das Schiff in der Steilkurve auf Kurs zu halten. Stoppen geht nicht, da ich die 300 kg auf diesem Untergrund nicht halten kann, wenn sie anfangen zu kippen. Selbst jetzt, beim Schreiben der Erinnerung schlägt mein Herz plötzlich schneller.

Schmunzelnd denken wir daran zurück, als Johannes von „Mallorquin Bikes“ auf Mallorca beim Endurotraining uns warnte: „… und dann seid ihr im Himalaya und mit einmal ist die Straße vor euch weg….“ Ja – Johannes, dachte ich damals, wir fahren doch nur bis Indien – bis in den Himalaya wollen wir doch gar nicht…“ Und nun sind wir hier – mitten drin. Verrückt diese Welt – wenn man JA sagt…

 

In Pokhara liefen uns diese deutschen Zimmermänner auf Wanderschaft über den Weg… Skurrile Begegnungen… Die drei haben es jedoch bis zum berühmten ABC, dem Annapurna Basis Camp auf 4000m geschafft – in ihrer Gesellenkluft. Respekt!!! Sag ich`s doch – teures Equipment wird völlig überbewertet.

Was kommt nach Pokhara? Nochmal Indien? Nein. Wir wollen vorerst hier bleiben. Der Rückflug nach Deutschland ist für den 1. März gebucht – Deadline sozusagen… Die Bikes werden von Kathmandu aus verschifft. So wird Kathmandu der letzte Punkt unserer Reise werden. Bis dahin bleiben uns noch 19 Tage. Wie sollen sie gefüllt werden? Noch einmal eine Woche nach Bali fliegen? Sonne, Strand und Meer genießen? Irgendwie passt diese Vorstellung nicht zu dieser Reise.

Mustang! Auf einmal taucht dieses Wort auf. Wir lesen nach und die Strecke ins sagenumwobene Mustang, dem ehemaligen Königreich entfacht wieder unseren Abenteuergeist. Von Mustang kommen noch Karawanen in Pokhara an – so heisst es… nur geländegängige Fahrzeuge  … Schotter, Sand und Geröll lassen den Fahrer tagelang Blut und Wasser schwitzen, so lesen wir in Motorradfahrer-Foren. Und diese Endurofahrer sind erfahrende Motorradreisende, inkl. Begleitfahrzeug fürs Gepäck und Schrauberteam…

Und wir? Zwei Greenhorns im Offroad Bereich, mit 300 kg schweren BMWs , ohne Begleitfahrzeug, in das man im Ernstfall umsteigen kann, wenn die Kraft nach tagelangem Schotterfahren nachlässt. Ach ja, und ein Schrauberteam haben wir auch gerade nicht dabei…

Ich finde die Idee, Mustang einen Besuch abzustatten, passt in diese verrückte Reise perfekt hinein. Los geht’s!

Bilder die uns noch sehr lange nach dieser Reise den Atem rauben werden. Ich kann es kaum glauben, dass wirklich ich da am Motorrad stehe.

 

 

 

Der erste Tag Richtung Jomsom schüttelt uns heftig durch. Schlamm, Sand und Felsblöcke wechseln so schnell dass wir und unsere Bikes richtig gefordert werden. Wir werden an unsere Grenzen geführt. „Die Motorräder können das fahren.“ sagen wir uns gebetsartig im Mantra. Der limitierenden Faktor sind oftmals wir selbst, wenn die Maschinen kippen oder wegrutschen. Da fehlen uns einfach etliche Trainingsstunden im Offroad. Als 1 Stunde vor Sonnenuntergang, nach 7 Stunden durchschütteln die Straße zur reinen Sandpiste wird, inkl. irrer Steigung ohne Sicht hinter die schmalen Kurven, was da kommt – drehen wir erst einmal um. Der erste Angriff auf Mustang endet vorerst mit einem Rückzug.

Erst einmal los lassen, inne halten, Tee trinken, Unterkunft suchen und neu überlegen, ob die Idee wirklich so gut war nach Mustang zu reisen. Sicherheit geht vor – das war das Motto auf den 12.000 km, die bereits hinter uns liegen.

Der nächste Morgen bricht an – und wir entscheiden weiter zu fahren. Wir wollen unsere Komfortzone verlassen und spüren einfach, dass es richtig ist weiter diesen Weg zu bestreiten.

Wir werden belohnt: Es wird der schönste und anspruchsvollste Tag der gesamten Reise auf unsern Bikes. Wir sind von oben bis unten mit Schlamm eingesuhlt, beseelt von der Landschaft, der unglaublichen Freude über unsere Leistung diese Strecke zu meistern und treten in Kontakt mit der Bergbevölkerung. Was für ein hartes Leben in diesem abgeschnittenen Teil der Welt. Der Pfad, auf dem wir entlangfahren soll in fünf Jahren mal den Namen „Straße“ verdienen. An diesem Tag brauchen wir 7 Stunden für 30 km!!! Vor ein paar Jahren war es zumindest ein Feldweg. Jetzt ist es komplettes Baustellengelände mit aus dem Berg gebrochenen Felsblöcken, die bis zur Taille reichen,  und die die Straße immer wieder unpassierbar machen. Unterspült von Gebirgsbächen und Wasserfällen, die das Geröll in eine Schlitterfalle verwandeln. Die Bergarbeiter schleppen die zentnerschweren Felsblöcke mit ihren bloßen Händen. Staub und herabstürzende Geröll gefährden die Gesundheit. Das Gefahrenbewußtsein wird hier komplett ausgeschaltet. 29 € ist der durchschnittliche Monatslohn in Nepal…

Die Busse zwischen Pokhara und Jomsom (Mustang). Für die Insassen und die anderen Verkehrsteilnehmer nicht ganz ungefährlich. Einmal steht so ein Bus direkt in der schmalen Kurve in der Gegenrichtung direkt vor mir. Es ging bei uns beiden weder vor noch zurück. Der Untergrund ist komplett tiefer weicher Sand. Mein Bike kippt beim stoppen. Sogleich springen die Insassen heraus und helfen mir beim Aufrichten und beiseite schieben des  Bikes damit der Bus erst einmal in Millimeterarbeit an meinen Koffern vorbei kommt Rudolf hinter mir hat derweil mit sich selbst zu tun, da sein Bike ebenso „flach liegt“. Und genau an diesen Momenten wachsen wir. Die nächsten Sandpisten passieren wir ohne zu fallen.

 

So wie in vielen Ländern auf dieser Reise – offenen interessierte Kinderaugen.

 

 

An einen dieser Felsen bleibt Rudolf plötzlich mit dem linken Fuß hängen, stürzt. Eine Sekunde unaufmerksam – wesentlich schwierige Stellen hatten wir zuvor gemeistert – hingefallen – aufgestanden … Und dann der Aufschrei in meinen Kom-System „Schei….., ich habe mich heftig am Fuß verletzt“. Der Schmerz pocht … Wir schaffen es noch bis zum nächsten Hostel – dann sackt ihm der Kreislauf in die Beine. Rudolfs Gesichtsfarbe wechselt auf weiß, Hinlegen, Beine hoch und durchatmen… Da fühle ich das erste Mal Angst um ihn auf dieser Reise.

Jetzt heißt es Zentrum behalten und klare Gedanken fassen. Ich möchte mich kurz fassen an dieser Stelle und keinen Krankenbericht schreiben. Nur dies: Rudolfs Fuß wird besser über Nacht. Das hat in erster Linie mit dem Glauben an sich selbst und der positiven Einstellung dem Ganzen gegenüber zu tun. Wir wussten von Beginn der Reise, dass dies kein Spaziergang wird. Wer seine Grenzen nicht austestet wird niemals seine Komfortzone verlassen.

Amerika wäre niemals entdeckt, der Mont Everest niemals bestiegen – und Pakistan von uns niemals durchquert worden. Und wie sehr wurden wir gerade dort belohnt!!!

Nach Rudolfs Fußverletzung steht zunächst die Frage offen, ob er sein Bike überhaupt noch fahren kann: Abschleppen oder einen Nepalesen fahren lassen? Ersteres ist schwierig, da kaum geeignete Fahrzeuge dort unterwegs sind. Einzig Traktoren mit ungefederten Anhängern standen zur Debatte. Und die zweite Möglichkeit ist ebenfalls riskant, da die Nepalesen zwar sehr gute Offroadfahrer sind – jedoch nur maximal 250er Enduros fahren. Mit unseren schweren 800ccm Machinen (mit Gepäck 300kg ) und der kleinen Körpergröße extrem knifflig. Dieser Nepalese wollte es dennoch probieren und kippte beim Starten der Maschine schon fast um. Rudolf fing ihn im letzten Moment auf, sonst hätte er sich verletzen können oder zumindest mein Bike umgerissen..
Wir haben mit dieser Reise bis in dieses kleine Bergdorf „Dana“ in Nepal – 10 km vor Mustang – unseren eigenen Gipfel des Mont Everest bestiegen. Das wird uns niemand mehr nehmen. Rudolfs Fuß wird verheilen. Der Unfall lies uns Pause machen, inne halten …

Und damit kam die ersehnte Erleuchtung, die uns in Indien so gefehlt hat. Was für ein Geschenk!

Wir dürfen teilhaben am Shivaratrifest in „Dana“. Hier steht für uns die Zeit still – ein sehr spiritueller Moment auf unserer Reise, den Menschen bei ihren Zeremonien beizuwohnen.

Am nächsten Morgen möchte ich den letzten Versuch starten nach Mustang vorzudringen. Rudolf ist noch fahruntauglich. In diesem Gelände mit einem schmerzenden Fuß die schweren Maschinen zu fahren – für ihn zu riskant.

So organisieren wir einen Fahrer der Rudolf fährt und mich auf meinem Bike begleitet. Dies sollte der letzte Versuch sein Mustang zu erreichen. Für 6 km brauchen wir 6 Stunden, da die Straße ständig durch Baumaßnahmen gesperrt und unpassierbar ist… Wir lassen nun endlich los von Mustang und fahren zu unserem Hostel zurück, begleitet von mehreren Stürzen meinerseits und einem verbogenem Lenker… Es ist Zeit „Genug für heute“ zu sagen.

Am Ende des Tages sitzen Rudolf und ich beisammen, dankbar für diese Erfahrung. Der Strom des Hostels ist wieder mal ausgefallen… Bei Kerzenlicht und hervorragendem, nepalesischen Essen lassen wir die Reise Revue passieren. Das wir seit Tagen ohne warmes Wasser und Dusche unterwegs sind brauche ich nicht zu erwähnen. So lebt es sich hier – und immer findest sich eine Lösung und ein Weg…

Bitte aufstellen zum Gruppenfoto… 😉 Sichtlich stolz steht der kleine Mann neben mir.
Die staatliche Dorfschule in Dana.
Gustav und Franz (meine Söhne) nahmen zu Beginn unserer Reise das Video „Wie putzt man sich richtig die Zähne“ auf. Dieses Lehrvideo zeigen wir stets in unseren Unterrichten den Kindern und Lehrern in Pakistan und auch hier in Nepal. Das kommt immer sehr gut an und mein Herz hüpft vor Freude, da somit auch die Beiden einen wichtigen Teil dazu beitragen, den Kindern Mundgesundheit zu vermitteln. Ich bin sehr stolz auf die Zwei!

 

Wir sind durch Rudolfs Unfall per Zufall in diesem kleinen Ort gestrandet – und bleiben für einige Tage. Und es gibt keine Zufälle im Leben. Es werden die innigsten Tagen mit den Menschen in Nepal für uns werden. Wir tauchen ein in das langsame Dorfleben, nehmen am großen Shivaratrifest teil und verbringen den Tag einfach nur damit, uns am Dorfleben zu erfreuen. Wir besuchen die Dorfschule und haben erneut die Möglichkeit unsere Hilfe anzubieten.

Für mich ist das kein Zufall. Wir erfahren hier das, was wir uns in Indien erhofft und vermisst  hatten. Rudolfs Unfall wollte uns das lehren: Anhalten – Tempo rausnehmen und einfach nur SEIN…

Eine weitere Dorfschule, in der wir unterrichten dürfen.

 

Eine der schönsten und spirituellsten Orte unserer Reise: Der Aufenthalt in dem kleinen Bergdorf Dana auf dem Weg nach Mustang…

 

Bandipur – Marktplatz
Am 17. Februar lassen wir Freunde und Familienangehörige wissen: „Angekommen“ – erste Fotos von Kathmandu am Tempel umrahmen diese Mitteilung.

 

„Angekommen“ klingt nach Erleichterung und Freude. Angekommen klingt nach „Ziel erreicht – ich bin da“. Das war’s erst einmal…

Jedoch weit gefehlt. Was wir in und um Kathmandu erleben dürfen, bietet Stoff für einen eigen Blogbeitrag. Und dabei hatte ich angenommen, nach Indien würde nicht mehr viel kommen.

Kathmandu bedeutet das Ende dieser Reise. Ab hier werden wir am 1. März in den Flieger steigen und via Istanbul nach Berlin zurückfliegen. In nicht einmal 14 Stunden Reisezeit werden wir die Strecke überwinden, für die wir 3 Monate auf den Motorrädern gebraucht haben. Es stimmt mich einerseits traurig so achtlos über diese Distanz hinwegzugleiten und es erfüllt mich mit Freude, wie schön es ist solche Orte eben auch mit dem Flieger leicht erreichen zu können. Die Begegnungen und Eindrücke, die man mit jedem Meter auf der Straße erfährt, bleiben einem im Flieger leider verwehrt.

Gemischte Gefühle kommen in uns hoch als wir Kathmandu erreichen. Die Traurigkeit über das Ende dieser Reise ist einerseits präsent. Es überwiegt jedoch die Freude über diese unglaubliche mentale und physische Leistung, jeden einzelnen Schritt dieser Reise gegangen zu sein. Und es waren gerade die schwierigen, holprigen und steinigen Wege, die die wertvollsten für uns waren.

 

Nun bleiben uns noch 8 Tage mit den Motorrädern bis wir sie am 26. Februar der Spedition in Kathmandu übergeben. Von Kalkutta geht’s dann per Schiff über Singapur nach Hamburg bzw. Barcelona… Wir werden wehmütig bei diesen Gedanken. Die Bikes haben für uns eine Seele entwickelt, so treu haben Sie uns begleitet über 13.000 km. Am Anfang dieses Reiseblogs verglich ich das tägliche Packen mit dem Satteln eines Pferdes – und jetzt geht diese Vorstellung noch mehr mit mir in Resonanz. Für etwa 40 Tage werden sie auf den Weltmeeren unterwegs sein – ohne uns.

 

Viele kleine Mopeds … und „Dobby“ (mein Moped) mittendrin

 

Doch nun heißt es vorerst für uns die letzten Tage hier im Kathmandutal genießen und uns auf neue Abenteuer einlassen. Zuerst erkunden wir die quirlige Hauptstadt Nepals und schlängeln uns wieder durch die holprigen Gassen. Vor dem Verkehr in ihrer Hauptstadt haben uns die Nepalesen im Vorfeld gewarnt – jedoch ist dieser für unsere Verhältnisse relativ gemächlich im Vergleich zu den Millionenstädten, die wir in den letzten Wochen durchquert haben. Lahore in Pakistan war da ein gigantisches Training für uns und im Vergleich dazu erscheint uns Kathmandu eher gemütlich. Hier stellt man sich auch ordentlich hintereinander an der Ampel an – so ganz anders als die Inder oder Pakistani, die sich jeden Millimeter nach vorne erkämpfen. Hier in Kathmandu knattern wir nun wie selbstverständlich an der Schlange vorbei bis zur Pole Position – direkt vor den Polizisten der den Verkehr regelt. Ihr könnt aus meinen Worten erkennen, welch eine Freude uns das Motorrad fahren jeden Tag aufs neue macht. Niemals hätten wir im Vorfeld der Reise gedacht, bis zum letzten Tag auf den Bikes zu sitzen. Meine Vorstellung war es die letzten Wochen irgendwo in Goa am Strand zu liegen – Yoga – Ashram – Meditation – Haschpfeife rauchend… Das mache ich dann ein anderes Mal  ;-))

Jetzt erkunden wir Kathmandu mit seinen wundervollen Stupas, genießen das tibetische Leben im Viertel um die große Buddhastupa herum. Wir erleben die hinduistischen Totenzeremonien an den Verbrennungsghats des Pashupatinathtempels, welcher der heiligste Hindutempel in Nepal ist und seit 1979 Weltkulturerbe. Diese Erlebnisse dort werden mich noch lange beschäftigen. Wie selbstverständlich und öffentlich hier mit dem Tod umgegangen wird ist sehr bewusstseinserweiternd für mich. So darf ich hier nun „mein kleines Varanasi“ doch noch erleben. Rudolf, der bereits in Varanasi in Indien war, meint, dass die Zeremonien hier im Vergleich sogar besser zu beobachten seien.

 

Die Verbrennungsghats von Kathmandu – das öffentliche Verbrennen der Leichen ist im Hinduismus präsent. Der Umgang mit dem Tod unterscheidet sich grundlegend von der westlichen Welt. Den Zeremonien beizuwohnen und vom gegenüberliegenden Ufer zu beobachten, setzt in uns ganz besondere Gefühle frei. Diese Erfahrung wird noch sehr lange in uns nachwirken. Diese Bilder gehören ebenso zu unserer Reise, wie die Bilder von lachenden Kindern.
Bike geparkt – die schweren Motorradstiefel anschließen – und mit den Innenschuhen kann der Rundgang um die Stupa beginnen
Minimönch im Gras …

Auf dieser Reise werden wir tausendfach beschenkt. Diese Bilder zeigen ein ganz besonderes Highlight in Nepal. Hier in Kathmandu bekommen wir die Möglichkeit an einer Klosterschule für heranwachsende Mönche das Bewusstsein für ihre Mundgesundheit zu stärken.

Jeder Junge bekommt von uns eine Zahnbürste geschenkt. Im besichtigten Schlafraum hing nur eine Zahnbürste im dafür vorgesehenen Körbchen am Schrank. Ob es noch weitere gab, ist schwer zu sagen. In den Zimmern schliefen bis zu 8 Jungs.

 

 

 

Unser nächstes Ziel ist Bhaktapur. Diese Stadt mit ihren historischen Pagoden erinnert an chinesische Kung-Fu-Filme. So stellen wir uns das alte China vor. Bevor wir in unser Hotel fahren, knattern wir erst einmal direkt auf den Marktplatz. Umringt von staunenden chinesischen Touristen machen wir unsere Fotos und fühlen uns in dieser historischen Atmosphäre sofort wohl.

Bhaktapur Marktplatz – so stelle ich mir das alte China vor …
Angekommen und direkt erst mal auf den Marktplatz gefahren. Als eine chinesische Touristin uns etwas nervös fragt, ob wir denn unsere Motorräder etwas beiseite schieben könnten, da sie doch ein Foto von der Treppe machen möchte, drückte ihr Rudolf erst einmal seine Kamera in die Hand und bat die völlig verdutzte Touristin darum doch erst einmal von uns ein Foto zu machen. Sie tat es, wie man hier sehen kann…

Unser nächstes Ziel ist das Shangrila Orphanage – ein Waisenhaus, 20 km südlich von Kathmandu. Sehr spontan haben wir uns zu einem Besuch entschlossen. Nachdem wir auf unserer Reise an vielen Stellen unser soziales Engagement eingebracht haben, war es schlussendlich eine logische Folge auch dieses Waisenhaus zu besuchen, zu dem ich seit einigen Jahren eine besondere Beziehung pflege. Leipziger Freunde sind Mitglieder in einem von zwei deutschen Krankenpflegern gegründeten Verein namens „Govinda“. Mit dem Kauf von Jahreskalendern und Bildbänden oder dem Aufbau von Souvenierständen bei Leipziger Stadtfesten haben wir bereits in der Vergangenheit den Verein unterstützt.

Shangrila Orphanage – Dieses Waisenhaus in der Nähe von Kathmandu besuchen wir als letzte soziale Station auf unserer Reise… „Govinda“ ist der Name des Vereins, der dieses Projekt seit vielen Jahren unterstützt. Leipziger Freunde sind Mitglieder in diesem Verein.
Die Schule, in der die Kinder vom Waisenhaus lernen – ebenfalls von Shangrila unterhalten
Auch an dieser Schule können wir erneut unseren Beitrag leisten …
Es rührt mich jetzt sehr auf dieser Reise die Möglichkeit zu haben mir dieses Projekt nun mit eigenen Augen anzusehen. Herzlich werden wir von den Vertreterinnen des Govinda-Vereins empfangen und können im Gästehaus der Volontäre übernachten.

Auch Rudolf ist mit Begeisterung dabei und bringt sein Know How und sein Talent ein. Wir geben gleich am ersten Abend spontan eine Mundgesundheitsschulung für die Kinder und Mitarbeiter. Am zweiten Tag besuchen wir die ansässige Shangrila International School und werden freudig von Lehrern und Schülern empfangen. Wie überall auf der Reise ist das Interesse an unserer Reise enorm und wir halten in zwei 9. Klassen Unterricht. Diesmal nicht zum Thema „Mundgesundheit“, sondern wir greifen das Interesse auf und berichten im Unterricht über unsere Reise. Was uns dazu bewegt hat und welche Erfahrungen wir gesammelt haben. Rudolf ist total in seinem Element den jungen Menschen aufzuzeigen, wozu Gefühle wichtig sind und wie wichtig es ist die Dinge selbst zu erleben um sich eine Meinung zu bilden. Gerade das Thema Pakistan und Iran ist groß in der Diskussion bei Lehren und Schülern. Ich genieße es sehr ihn dabei zu erleben, wie leidenschaftlich er von diesen Dingen spricht, wertschätzend anderen Kulturen gegenüber. Die Augen der Schüler kleben an ihm, weil sie spüren wie sehr er hinter dem Thema steht. Das Verständnis der englischen Sprache dieser jungen Menschen beeindruckt uns ebenfalls.

Inne halten bevor gleich die Unterrichtsstunde beginnt.
Ich denke, dass wir mit unserer verrückten Geschichte, mit dem Motorrad von Deutschland nach Nepal gereist zu sein, bei Ihnen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und wenn wir nur ein wenig zum Nachdenken anregen, was die Meinung über andere Länder und ihre Menschen betrifft, so haben wir mehr erreicht als wir uns wünschen können.
Das erhoffe ich mir übrigens auch mit diesem Reiseblog. Und ich hätte mir im Vorfeld nicht im Traum ausmalen können, welche Dimensionen die Reise annehmen würde. Gerade die Erinnerungen an Iran und Pakistan – und auch final hier in Nepal berühren mein Herz.

So auch die Möglichkeit unser gesamtes mitgenommenes zahnärztliches Instrumentarium an „Govinda“ und das Waisenhaus zu spenden. Hier wird es weiterhin gute Verwendung finden, wenn ein- bis zweimal im Jahr das Dental Team die Kinder untersucht und behandelt.

Pause auf dem Schulhof …

Nach zwei Tagen nehmen wir Abschied und möchten an dieser Stelle auch die Bewunderung über das soziale Engagement der jungen Menschen aus Deutschland ausdrücken. Sie machen dort als Volontäre und Mitarbeiter vor Ort einen tollen Job und es erfüllt uns mit Freude.

Jetzt so kurz vor der Abgabe der Motorräder wollen wir noch einmal bisschen Offroad fahren und soweit es geht bis an die tibetische Grenze heran kommen. Fahrerisch ist diese Strecke sehr anspruchsvoll – und nach der Mustangerfahrung für uns gut zu händeln. Mustang hat die Messlatte schon sehr hoch gehängt.

Grenzbrücke zu Zham / Tibet – seit dem Erdbeben 2015 wegen der schweren Schäden geschlossen

 

 

Im Matsch rutsche ich dennoch zweimal weg und habe jedesmal wieder Helfer, die mir beim Aufrichten der Maschine behilflich sind. Die Strecke nach Tibet wird bei Wikipedia als gefährlich eingestuft – insbesondere in der Monsunzeit. Die schmalen schlammigen Pässe fallen klippenartig in die Tiefe, so dass Busse ihre Not haben auf Kurs zu bleiben.

 

Wir kommen beseelt von der Freude am Fahren an der tibetischen Grenze an. Die Umgebung dort gleicht einem Kriegsgebiet. Das Erdbeben hat die Häuser weitestgehend zerstört und die Grenze ist bis auf weiteres geschlossen. Rudolf fragt den abgestellten Grenzposten dennoch ob wir nicht mal eine Fuß nach China setzen können … Nach einem kurzen Telefonat mit dem Chef bekommen wir tatsächlich eine kleine Führung und dürfen sogar Fotos vom Grenzgelände machen. Irgendwie finden wir das wieder mal total nichtlinear. Am Ende des Tages lachen wir noch herzlich über die These, dass uns der Grenzbeamte sicherlich durchgelassen hat, weil er nicht annahm, dass wir China mit unseren Motorrädern militärisch einnehmen würden. Wie ein Sondereinsatzkommando fühle ich mich dennoch ein wenig als ich in meiner Motorradkluft über das Grenzgelände schreite. 😀

 

Ausrutscher im Matsch – fleissige Helfer waren sofort zur Stelle

 

 

Was für ein erfüllter Tag auch hier wieder. Unglaublich wie ereignisreich so viele Tage dieser Reise sind. Als wir das letzte Mal in Kathmandu einfahren schlägt mir Rudolf über das Kom-System vor: „Komm lass uns noch mal mit den Bikes direkt vor die große Stupa fahren – Finales Foto sozusagen.“ Ich bin sofort dabei und wir knattern auf den größten Stupa Platz von Kathmandu – Touristenmagnet, Fußgängerzone und Verkehrsfrei! Das nenne ich ein gebührendes Ende – und das sehen die vielen Nepalesen, Mönche und Touristen um uns herum genauso und feiern uns und unseren Erfolg hier „Angekommen zu SEIN“ 🙏   Selfis, Hände schütteln, Umarmen – das volle Programm.

Touristen und Nepalesen greifen zur Kamera, um Fotos von unseren Motorrädern vor der Stupa zu machen. Ich denke in diesem Moment daran zurück, wie wir vor 14 Wochen auf dem Marktplatz in Torgau standen – 50 km nach Leipzig … Es war ein verregneter Tag – mit der Sonne im Herzen und der Vision mit dem Motorrad nach Indien zu reisen …

 

Und wir sind wahnsinnig stolz auf uns!

 

Es wird vermutlich nicht viele Motorradreisende auf dieser Welt geben, die sich ohne Erfahrung mal eben ein Motorrad kaufen, um 2 Monate später damit 13.000 km nach Kathmandu zu fahren – durch Länder wie Iran, Pakistan und Indien. Die sich durch Millionenstädte wie Tiara, Istanbul, Tiflis, Baku, Isfahan, Lahore gleich der X-Wing-Fighter bewegen.

 

Es wird auch nicht viele davon geben, die die Unterstützung, den Rückhalt und die Wertschätzung der Familie und Freunde dafür erhalten. Mit Gustav und Franz konnte ich täglich Kontakt via Internet halten und nun freue ich mich die Beiden endlich wieder in meine Arme zu nehmen. Ich kann gar nicht in Worte fassen wie dankbar ich dafür bin!!! Meine Mitarbeiterinnen in der Praxis in Leipzig haben einen mega Job in meiner Abwesenheit gemacht. Was für ein Geschenk! Unsere Patienten waren im Vorfeld der Reise voller Begeisterung und werden nun sehr erwartungsvoll sein, was ich zu berichten habe. Ich freue mich sehr auf den Austausch mit ihnen.

In diese Halle verabschieden wir uns von unseren Motorrädern

Am 26. Februar bringen wir unsere Motorräder zur Spedition in Kathmandu. Nach Abwicklung der Formalitäten entpacken wir unsere Bikes damit sie in die vorgesehenen Kisten passen. Von hier aus werden sie nach Kalkutta transportiert und von dort per Schiff via Singapur nach Hamburg bzw. Barcelona. 40 Tage werden sie ohne uns auf den Weltmeeren unterwegs sein. 40 lange Tage – das wird unsere persönliche Motorradfastenzeit …

All die ermunternden Worte während unserer Reise von Freunden und Kollegen haben uns durch diese 14 Wochen getragen. Der Zuspruch für diesem Blog, die wertschätzenden Kommentare hier und über die sozialen Netze haben uns sehr gefreut! Sie haben mich regelrecht beflügelt zu schreiben.

 

Die vielen Tipps und Hinweise von erfahrenen Motorradreisenden waren unglaublich hilfreich für uns. Jeden Tag wurden wir daran erinnert, wenn dieses oder jenes Detail uns große Dienste erwiesen hat. Diese Vorbereitung hat wesentlich dazu beigetragen, dass diese Reise überhaupt möglich war. Den Rest hat dann das Universum für uns geregelt – und um es mit den sehr wahren Worten aus dem Film „Weit.“ zu sagen: „Wir hatten einfach kein Pech gehabt“.

 

Rudolf danke ich für das (stundenlange) Korrektur lesen und die konstruktive Kritik, wenn sich die Grammatik in meinen Worten überschlug. Ich schreibe die Gedanken und Gefühle auf wie sie geradewegs kommen. So bin ich authentisch und so kann ich das teilen, was mich in diesem Moment bewegt.

 

Wer Rudolf kennt, weiß wie wichtig und wertvoll er auf dieser Reise für mich und für uns war. Es gibt vermutlich keinen besseren Raumhalter auf der Welt wie ihn. Von dem Wissen, das er mir in all diesen Momenten dieser Reise vermittelt, ganz zu schweigen. Das Wissen um weltliche Dinge und das Wissen um spirituelle Dinge.

 

Von ganzem Herzen – DANKE!!!

 

Jetzt freue ich mich auf Leipzig und meine zwei Jungs, meine Familie und Freunde. Ich möchte diese Erlebnisse mit ihnen teilen und sie mit meinen Geschichten begeistern.

 

Ich wünsche mir sehr, dass Gustav und Franz mit offenem Herzen durch die Welt gehen und „JA“ zum Leben sagen und auf Wegen gehen, die nicht schon tausendfach vorgetrampelt sind. Ich wünsche mir, dass die Menschen die „Wahrheiten“ aus den Medien hinterfragen und sich ein eigenes Bild machen.

Wenn diese Reise dazu beigetragen hat einen Grundstein dafür zu legen, dann habe ich mehr erreicht als ich mir wünschen kann…

 

Wir haben mit unserem Mut und Abenteuergeist die Menschen in den verschiedenen Ländern begeistern können. Wenn unsere positiven Erzählungen über die vermeintlichen Feinde im Nachbarland einen Samen zur Versöhnung gelegt haben, so hat sich jeder einzelne Meter von Leipzig nach Kathmandu gelohnt!!!

 

Namaste – Inschallah – So Gott will …